Die Müllheimer Musikkapelle um das Jahr 1860

Aus der Geschichte des Stadtmusikvereins

“Die Musik vermag die Herzen der Menschen zu veredeln. Wenn dem so ist, ist es Pflicht die jungen Menschen darin zu unterrichten.” Aristoteles

“Die Musik ist die reingeistigste aller Künste, da sie nicht wie die übrigen mehr oder weniger des vermittelnden Verstandes bedarf, um auf das Gemüt zu wirken. Die Musik ist die von Herzen kommende und zu Herzen gehende Sprache, die von allen Menschen verstanden wird – eine Weltsprache im schönsten Sinne des Wortes” Mit diesen Worten hatte Dr. Ernst Blankenhorn in der Eigenschaft als Festpräsi­dent im Jahre 1891 das Musikfest des Musikvereins Müllheim, das mit einem Preiswettspielen verbunden war, eröffnet. Seine Worte haben bis heute an Wert und Bedeutung nichts eingebüßt. Mit der Sprache der Musik, Unterhaltung, Freude und Entspannung zu vermitteln, war stets der Wunsch und das besondere Anliegen ideell denkender Müll­heimer Bürger gewesen.

Die Müllheimer Musikkapelle um das Jahr 1860

Die Müllheimer Musikkapelle um das Jahr 1860

Wenn der Stadtmusikverein Müllheim in diesen Tagen sein 150jähriges Bestehen feiert, so ist ein echter Anlaß gegeben, einmal zurückzu­blicken auf die vergangenen eineinhalb Jahrhunderte. Freud und Leid, Erschütterungen und Rückschläge, aber auch Erfolge und große Lei­stungen reichen einander die Hand. Trotz aller Rückschläge und Ent­täuschungen haben sich in Müllheim immer wieder Menschen zusam­mengefunden, die sich uneigennützig in den Dienst der Musik, besser der Volksmusik stellten.

An Hand der im städtischen Archiv befindlichen Akten, dem Protokoll­buch neueren Datums unserer Stadtmusik, alten Zeitungsbänden und einigen wenigen sonstigen Aufzeichnungen soll im folgenden die Ge­schichte unseres Stadtmusikvereins, die gleichzeitig auch ein Stück Geschichte der Stadt Müllheim beinhaltet, aufgezeigt werden.
In seiner „Geschichte der Staat Müllheim” berichtet Pfarrer Sievert, daß der Stadtrat von Müllheim im Zusammenhang mit der Bildung einer städtischen Militärabteilung im Jahre 1812 beschlossen habe, ein Musikkorps zu bilden, „um sowohl dem Stadt-Militär, als auch der Kirche (deren Orgel sich im schlechten Zustand befand) durch Musik mehr Ansehen und Erhebung zu verschaffen”. Die Stadtverwaltung hatte für das Musikkorps die Instrumente beschafft und den Musikus Sommerlat zum Dirigenten bestellt. Unter seiner Anleitung wurde das Musikkorps geschult. Alsbald trat die Bürgermilitärkapelle zusammen mit dem Bürgermilitär bei allen weltlichen Anlässen in Erscheinung. Darüber hinaus verschönerte die Musikkapelle den Gottesdienst in der Kirche, erfreute sie hin und wieder auch mit einem Konzert. Von Mitte der zwanziger Jahre an traten aber längere Pausen ein. Bei dem gro­ßen Sängerfest im Jahre 1845 hatte sie den Müllheimer Gesangverein recht wirksam unterstützt. Alsbald nach der Revolution von 1848 wur­den Bürgermilitär und Bürgerwehrkapelle aufgelöst. Die Musiker, sich einmal dem Musizieren verschrieben, sind ohne feste Bindung zusam­mengeblieben, aber es kam nicht allzuviel Fruchtbares dabei heraus. So wurde auf Betreiben von Gerichtsnotar Hammetter, der dann auch Vorsitzender wurde, im Jahre 1863 ein Musikverein Müllheim gegrün­det. Er war dem Gesangverein angegliedert. Doch schon im August 1866 löste der Musikverein Müllheim sich auf. Sein Vermögen, bestehend aus 22 Instrumenten, zu deren Anschaffung die Stadt ein Darlehen in Höhe von 333 Gulden gegeben hatte, verschiedene Fahrnisse und 12,26 Gulden bar, fielen an die Stadt. Aus den Mitgliedern des aufgelösten Vereins bildete sich alsbald im Anschluß an die Freiwillige Feuerwehr Müllheim ein Feuenvehrmusikverein. Diesem hat die Stadt die Instru­mente und sonstigen Fahrnisse mit der Verpflichtung zur ordnungs­gemäßer Unterhaltung unentgeltlich zur Benützung zur Verfügung ge­stellt, nachdem der große Bürgerausschuß am 13. Juli 1867 seine Zu­stimmung gegeben hatte. Zum ersten Vorsitzenden des Vereins wurde Feuerwehradjutant Fritz Heidenreich gewählt. Als Dirigent wurde Musiklehrer W. Lothmann verpflichtet, ein energiegeladener Musiker, der sich reichlich viel Mühe gab, ein gutes Blasorchester heranzuziehen. Auf seine Initiative hin wurde schon 1869 eine Knabenmusik gebildet, die aber bald wieder einging. Im Jahre 1883 hat der Verwaltungsrat der Freiwilligen Feuerwehr “…behufs späterer Rekrutierung zur Feuer­wehrmusik”, wie es in den Akten heißt, die Bildung eines Knaben-Musikchors beschlossen, das dem Ausschuß des Feuerwehrmusikvereins unterstellt wurde. Zur Beschaffung von Instrumenten für minderbemittelte Knaben übernahm die Freiwillige Feuerwehr und die Stadt je eine Garantie von 100 Mark. Doch auch dieses Knabenmusikkorps hatte nicht allzulange bestanden, denn 1899 wurden auf Antrag des Feuerwehrkommandos 200 Mark gesammelt zur Wiedererrichtung einer Knabenmusik.
Im Juli 1891 fand in Müllheim das erste Musikfest statt Anlaß hierzu gab das 30jährige Bestehen des Feuerwehrmusikvereins. Das Fest war mit einem Preis-Wettspielen verbunden. In einem Bericht wird zum Ausdruck gebracht, daß Wochen vorher schon zahllose fleißige Hände bemüht waren, der Stadt einen Festschmuck zu verleihen, wie er bei ähnlichen Anlässen noch nicht zu sehen war. Insgesamt 14 Musik­kapellen mit rund 400 Musikern waren am 19. Juli nach Müllheim gekommen. Die Zahl der Festgäste war so groß gewesen, daß auf dem Festplatz „ein Gedränge entstand”. Das Wertungsspielen fand in der alten Kirche, der heutigen Festhalle, statt. Der Großherzog von Baden, der sich auf der Mainau aufhielt, hatte auf ein Huldigungstelegramm den Musikern aus Baden, dem Oberelsaß und der Schweiz ein genuß­reiches Fest gewunschen. Die am Wettspiel teilnehmenden Musikvereine erhielten eine Urkunde mit einem Lorbeer- oder Eichenkranz. Soweit aus den zur Verfügung stehenden Akten und Berichten zu ersehen ist, war dies das einzige Musikfest, das in Müllhelm abgehalten wurde. Im Jahre 1893 ist der Feuerwehr-Musikverein dem Breisgau-Mark­gräfler Musikvereins-Verband beigetreten.
Um die Jahrhundertwende Ist der Mitgliederstand des Feuerwehr-Musikvereins mehr und mehr zurückgegangen. Dadurch wurde der Verein nach der finanziellen Seite stark geschwächt. Der Ausschuß wandte sich deshalb im Januar 1901 mit der Bitte an den Gemeinderat, dem Feuerwehr-Musikverein einen jährlichen Beitrag aus städtischen Mitteln zu gewähren. Die Stadt hatte darauf 200 Mark in ihren Haus­halt eingesetzt, die erstmals im Jahre 1902 ausgezahlt wurden. Am 23. Dezember 1903 teilte der Ausschußvorsitzende Hurst der Stadt mit, daß der Feuerwehr-Musikverein noch sechs aktive Mitglieder zähle und sich deshalb auflöse. Die Instrumente und sonstigen Fahrnisse fielen satzungsgemäß an die Stadt zurück. Das Barvermögen in Höhe von 249,63 Mark wurde auf der Sparkasse angelegt. Die Musikinstrumente wurden von Sieglin aufbewahrt und instand gehalten. Die sonstigen Fahrnisse, wie Noten und dergleichen, wurden auf dem Rathaus in Verwahrung genommen. Im Juli 1904 hat sich Redakteur B. Alt zur Gründung einer Stadtmusik erboten. Die Gründung kam jedoch nicht zustande. Im Jahre 1911 wurden verschiedene Instrumente der inzwi­schen gegründeten Kapelle des Radfahrervereins überlassen. Als schließ­lich die Freiwillige Feuerwehr durch Generalversammlungsbeschluß vom 30. März 1912 die Radfahrermusik als Feuerwehrmusik in – die Freiwillige Feuerwehr aufnahm, wurde der Feuerwehr von der Stadt das gesamte Vermögen, also Instrumente und 367,89 Mark Barvermö­gen, übergeben.
Der erste Weltkrieg unterbrach die musikalische Tätigkeit der Feuer­wehrkapelle. Im Frühjahr 1919 hat die Feuerwehrmusik sich wieder zusammengefunden. Die Stadt gewährte für das Jahr 1919 einen Bei­trag von 1000 Mark. Dieser Betrag wurde ein Jahr später, nachdem der frühere Obermusikmeister des Mülhauser Dragonerregiments, Claus, die Leitung des Musikkorps übernommen hatte, auf 2000 Mark erhöht. In Verhandlungen, die sich durch die Monate Juli und August 1920 hin­zogen, wurde die Umbildung der Feuerwehrmusik in eine Stadtmusik vollzogen. Auf Grund der Satzungen erhielt jedes aktive Mitglied der Musik je Jahr eine Vergütung von 100 Mark.
Um der Jugend Gelegenheit zu geben, Musik zu lernen und sie zur musikalischen Betätigung anzueifern und dadurch an ihrer Erziehung und Bildung mitzuarbeiten und um einen geeigneten Nachwuchs für die städtische Musikkapelle heranzuziehen, hat der Gemeinderat am 29. Oktober 1920 die Errichtung einer städtischen Musikschule beschlos­sen. Zu deren Leiter beauftragte sie Obermusikmeister Claus. Im Mai 1922 wurde die Schule von 22 Schülern in Anspruch genommen.
Im November 1923 war die Stadtmusik bereits wieder aufgelöst. Einige Mitglieder haben sich zusammengeschlossen, um weiterhin Volksmusik zu pflegen. Die Stadt hat ihnen für die Proben einen Raum zur Ver­fügung gestellt, aber ansonsten keinerlei Kosten übernommen. Der Gemeinderat hat im Mai 1925 den Musiker Flemig zum Leiter der wieder in Tätigkeit getretenen Stadtmusik bestellt und diesem für jede Probe eine Gebühr von 10 Mark gewährt. Ein Jahr danach drängte die Stadt auf Neugründung eines Musikvereins. Sie machte deshalb im November 1926 die Weiterbewilligung von Beiträgen davon abhängig. Es kam jedoch nicht dazu. Die Kapelle löste sich auf und die Instru­mente und sonstiges Inventar fielen wiederum an die Stadt zurück.

Die Stadtkapelle Müllheim im Jubiläumsjahr 1962

Die Stadtkapelle Müllheim im Jubiläumsjahr 1962

Das Kommando der Freiwilligen Feuerwehr Müllheim war es dann, das am 31. Juli 1927 zur Wiedergründung einer Musikkapelle aufgerufen hat. Es kam auch am 16. August zu einer Gründung. Mit einem Kon­zert wurde diese Gründung Ende Oktober offiziell vollzogen. Als Leiter der Kapelle wurde Kammermusiker Fehmel gewonnen. Um für die Kapelle einen gewissen Rückhalt zu erhalten, wurde beschlossen, Mit­glieder zu werben. Nahezu fünf Stunden lang hatte die Kapelle des neugegründeten Musikvereins am 18. Dezember 1927 in den Straßen der Stadt gespielt, um auf diese Weise Musikfreunde als Mitglieder zu werben. Der Erfolg war nicht ausgeblieben. Die Stadt gewährte dem Verein eine monatliche Beihilfe von 80 Mark. Für das Rechnungsjahr 1931 hat die Stadt einen Betrag von 720 Mark in den Haushalt aufge­nommen, im Jahre 1934 jedoch nur noch 100 Mark. Im März 1935 teilt der Vorstand des Musikvereins der Stadt mit, daß die aktiven Musiker des Musikvereins seit zwei Jahren keine Unterstützung von der Stadt erhalten haben, ihnen aber laut Beschluß der Reichsmusikkammer ein Beitrag seitens der Stadt zustünde. Darauf gewährte die Stadt einen Beitrag von 40 Mark für den Dirigenten Heck. Um den Musik­verein lebensfähig zu erhalten, wurde eine großzügige Werbung unter­nommen, die aber nicht den erwarteten Erfolg brachte. Man hat des­halb andere Wege zu beschreiten versucht, aber es ist nichts daraus geworden. Im November 1936 erklärten sich Redakteur Dr. Fischer und der Angestellte Karl Maier bereit, die Musik auf der bisherigen Grundlage wieder ins Leben zu rufen. Die Stadt hatte hierfür eine finanzielle Unterstützung zugesagt. Ende Dezember waren die Bestrebungen soweit gediehen, daß mit den Proben begonnen werden konnte. Zum Leiter der Kapelle wurde Dirigent Schillinger, Bad Krozingen, bestellt. Um einen entsprechenden Nachwuchs für die Musikkapelle zu erhalten, wurde jungen Leuten kostenloser Unterricht erteilt. In einem von Dr. Fischer, Karl Maier und Karl Gyß als die Verantwortlichen des Musikvereins erlassenen Aufruf an die Bevölkerung der Stadt wurden aktive Musiker und junge begabte Leute zur Mitarbeit bewogen.
Die Musikkapelle, zu einem beachtlichen Klangkörper herangebildet, wurde später Stadt- und Kreiskapelle. Mit Ausbruch des zweiten Welt­krieges lichteten sich die Reihen der Musiker und gegen Ende des Krieges hatten die Musiker oder deren Angehörige die Instrumente einschließlich der eigenen Instrumente an einen in Müllheim stationier­ten Bautrupp abzugeben. Das hatte zur Folge, daß, als sich musik­liebende Männer nach den Kriegswirren zusammenfanden um sich der Musik zu widmen, sie über keinerlei Instrumente mehr verfügten. Dennoch ließen sie sich nicht entmutigen. Die wenigen vorhandenen reparaturbedürftigen Instrumente wurden instandgesetzt und neue be­schafft. Im August 1946 wurde der Stadt Müllheim ein Gesuch zur Gründung eines Musikvereins in Müllheim zugeleitet. Das Gouverne­ment Militaire hat jedoch das Gesuch nicht bearbeitet, weil ihm drei Vorstandsmitglieder nicht genehm erschienen. Erst im Januar 1947 wurde die Einberufung einer Gründungsversammlung genehmigt. Die Gründungsversammlung fand am 7. Februar 1947 im „Oberen Engler” statt. Der Delegierte des Kreises Müllheim lehnte indessen seine Ein­willigung zur endgültigen Genehmigung des Vereins ab. Erst im Mal 1947 wurde die Zustimmung gegeben.

Das Streichorchester der Stadtmusik Müllheim im Jubiläumsjahr 1962

Das Streichorchester der Stadtmusik Müllheim im Jubiläumsjahr 1962

Bei der am 7. Februar 1947 erfolgten Gründungsversammlung wurden als erster Vorsitzender Fritz Gallinger und als sein Stellvertreter Ger­hard Kaufmann gewählt. Ferner gehörten dem Vorstand an: Walter Siebter, Alfred Weniger, Erich Theiß, Albert Sohm und Richard Minarik. Die Orchestervereinigung Müllheim, wie sich der neue Verein nannte, bestand aus zwei Abteilungen, nämlich dem Streichorchester und der Blasmusik. Später wurde der Verein in Stadtmusikverein Müllheim umbenannt. Ihm stehen seit 1950 Erich Theiß als erster und Peter Stein­brecher als zweiter Vorsitzender vor. Unter der Stabführung von Karl Zettelmayer ist die Stadtmusik Müllheim zu einem gut geschulten, weit über die Stadt hinaus bekannten Blasorchester geworden. In zahlreichen Konzerten, bei kirchlichen wie weltlichen Anlässen, bei Musikvereins-und Verbandsfesten des Markgräfler Musikverbandes, dem der Stadt­musikverein seit Gründung angehört, hat die Stadtmusik beachtliches Können immer wieder bewiesen. In weitesten Kreisen, vor allem auch bei den Musikfachleuten, findet das Können der Kapelle Anerkennung und Würdigung. Beim 5. Wertungsspielen des Markgräfler Musikver­bandes im März 1960, das in Heitersheim abgehalten wurde, hat das Wertungsgericht den Darbietungen der Stadtkapelle die Bewertung “hervorragend” gegeben. F. J. M.

Verantwortlich für den Gesamtinhalt und Aufnahmen: Franz Josef Mayer